
Ein Hungerkünstler
In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern
sehr zurückgegangen. Während es sich früher gut
lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu
veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich. Es waren
andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem
Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme;
jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn;
an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen
wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die
Erwachsen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen,
sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei
der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trilot, mit mächtig
vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem
Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd
Fragen beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine
Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst
versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für
ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des
Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen
und hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die
Lippen zu feuchten.
Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich
Fleischhauer, welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgaben hatten, Tag und
Nacht den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine
heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine
Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten
wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit
niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das
Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies. Freilich,
nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich manchmal
nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax durchführten,
absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzen und dort sich ins Kartenspiel
vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine kleine
Erfrischung zu gouml;nnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen geheimen
Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkuuml;nstler
quälender als solche Wauml;chter; sie machten ihm das Hungern entsetzlich
schwer; manchmal uuml;berwand er seine Schwäche und sang während
dieser Wachzeit, solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie
ungerecht sie ihn verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich
dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens
zu essen. Viel lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng
zum Gitter setzten, mit der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich
nicht benügten, sondern ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten,
die ihnen der Impresario zur Verfügung stellte. Das grelle Licht
störte ihn gar nicht, schlafen konnte er ja überhaubt nicht, und ein
wenig hindämmern konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde,
auch im übervollen, lärmenden Saal.
Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich
ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit mit ihnen zu scherzen, ihnen
Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre
Erzählungen anzuhören, alles nur um sie waxhzuhalten, um
ihnen immer zeigen zu können, daß er nichts eßbares im
Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner von ihnen es
könnte. Am glücklichsten aber war er, wenn dann der Morgen kam,
und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches Frühstück
gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder Männer
nach einer mühevoll durchwachten nacht. Es gab zwar sogar Leute,
die in diesem Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten,
verzogen sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.
Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt
nicht zu trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die
Tage und Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter
zu verbringen, niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
ununterbrochen, fehrlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler
selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern
vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus einem andern
Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr
abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den Vorführungen
fernbleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht ertrugen, sondern
er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein
nähmlich wußte auch kein Eingeweihter sonst wußte das,
wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt.
Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn
günstigstenfalls für bescheiden, meist aber für
reklamesuchtig oder gar für einen Schwindler, dem das Hungern
allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu machen verstand,
un der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles mußte
er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber
innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals,
nach keiner Hungerperiode -- dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen
-- hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit
für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage festgesetzt,
darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den Weltstädten
nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte man
erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde
Reklame das Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber
versagte das Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war
festzustellen; es bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine
Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als Regel
aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also
am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten
Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft erfüllte
das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei ärzte betraten
den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler
vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale verkündet,
und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,
daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungekünstler
aus dem Käfig ein Paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen
Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war.
Und in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar
legte er noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten
Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht.
Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch
lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören,
wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten hungern war? Warum wollte
man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte
Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war,
aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn
für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum
hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit
ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie es nicht
aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun
hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein in der
Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Aüßerung er nur mit
Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte
Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf.
Aber dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm -- die
Musik machte das Reden unmöglich -- die Arme über dem
Hungerkünstler, so, als lade er den himmel ein, sich sein Werk
hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer,
welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz anderem Sinn;
faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei er durch
übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem wie gebrechlichen
Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn -- nicht ohne ihn im
geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der Hungerkünstler
mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin und her schwankte --
den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun duldete der
Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es ear, als
sei er hingerollt und hatle sich dort unerklärlich; der Leib
war ausgehöhlt; die Knien aneinander, scharrten aber doch den
Boden, so, als sei es nicht der wirkliche, den wirklichen suchten sie
erst; und die ganze, allerdings sehr kleine Last des Körpers lag
auf einer der Damen, welche hilfsuchend, mit fliegendem Atem -- so hatte
sie sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt -- zuerst den Berührung
mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang
und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern
sich damit begnügte, zitternd die Hand des Hungerkeunstlers, dieses
kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem entzückten
Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst
bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das
Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines
ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter
lustigem Plaudern, das sie Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht,
welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert worden
war; das Orchester bekräftigte alles durch einen Großen Tusch, man ging
auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein,
niemand, nur der Hungerkünstler, immer nur er.
So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber
Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst
zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu
wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der
ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit
wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener
Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch
antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln
begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel,
das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor versammelten
Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungen hervorgerufene, für satte
Menschen nicht ohne weiters begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des Hungekünstlers
verzeihlich machen könne; kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu
erklärende Behauptung des Hungekünstlers zu sprechen, er könnte noch
viel länger hungern. als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen,
die große Selbstverleugung, die gewiß auch in dieser Behauptung einfach
genug durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu
widerlegen, denn auf den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten
Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem
Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende
Verdrehung der Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen sache
dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpen,
war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter
dem Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien zurück, und das
beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.
Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten,
wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen war jener erwähnte
Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das geschehen; es mochte tiefere
Gründe haben, aber wem lag daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines
tages der verwöhnte Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen
Menge verlassen, die lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal
jagte der Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und
da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich
an manche zu ihrer Zeit war es sicher, dass einmal auch für das Hungern wieder
die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte
nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte
nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen andern
Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor
allem dem hungern allzu fanatisch ergeben. So verabschiedete er denn den Impresario,
den Genossen einer Laufbahn ohnegleichen, und liess sich von einem grossen Zirkus e
ngagieren; um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar
nicht an.
Ein grosser Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder ausgleichenden
und ergänzenden Menschen und Tieren un Apparaten kann jeden und zu jeder
Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei entsprechend bescheidenen
Ansprüchen natürlich, und ausserdem war es ja in diesem besonderen
Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert wurde, sondern auch
sein alter berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart dieser im zuzehmender
Alter nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, dass ein ausgedienter, nicht mehr
auf der Höhe seies Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen
Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß
er, was durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete
sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres,
eigentlich erst jetzt die Welt in berechtiges Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings,
die mit Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht
vergass, bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.
Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die wirklichen
Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin, dass man ihn
mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die Manege stellte,
sondern draussen an einem im übrigen unterbrachte. Grosse, bunt gemalte
Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu sehen war.
Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den Ställen drängte,
um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich, dass es beim Hungerkünstler
vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man wäre vielleicht länger
bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche
diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine
längere ruhige Betrachtung unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch
der Grund, warum der Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen
Lebenszweck natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der
ersten Zeit hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt
hatte er der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald --
auch die hartnäckigste, fast bewusste Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen
nicht stand --
davon überzeugte, dass es zumeist der Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos,
lauter Stallbesucher waren. und dieser Anblick von der Ferne blieb noch immer der
schönste. Denn wenn sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort
Geschrei und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenen Parteien, jener, welche --
sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere -- ihn bequem ansehn wollte,
nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und jener zweiten, die
zunächst nur nach den Staellen verlangte. War der große Haufe vorüber,
dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr verwehrt
langen Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren
zu kommen. Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein
Familienvater mit seinen Kinder kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler
zeigte, ausführliche erklärte, um was es sich hier handelte, von
früheren Jahren erzählte, wo er bei ähnlichen, aber unvergleichlich
großartigeren Vorführungen gewesen war, und dann die Kinder, wegen ihrer
ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben her, zwar immer noch
verständnislos blieben -- was war ihnen Hungern? -- aber doch in dem
Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden, gnädigeren
Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler dann
manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden, wenn sein Standort
nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten wurde dadurch
die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn die
Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht,
das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere,
die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten.
Aber bie der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte
er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein
für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn
verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit
auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu
den Ställen war.
Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.
Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeir, in den heutigen Zeiten
Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen,
und mit dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprocehn.
Er mochte so gut hungern. als er nur konnte, un er tat das, aber nichts
konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem
die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es
nicht begreiflich machen. Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und
unleserlich, man riß sie herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen;
das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut worden war, bleib
schon längst immer das gleiche, denn nach den ersten Wochen war das
Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüßig geworden;
und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es früher
einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie
er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage, niemand,
nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die
Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der Zeit
ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer
lustig machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die
dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene
Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler
betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.
Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende.
Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener,
warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh
drinnen unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich einer
mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte
mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin.
“Du hungerst noch immer?” fragte der Aufseher, “wann wirst du denn
endlich aufhören?” “Verzeiht mir alle”. flüsterte der
Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das ohr ans Gitter hielt,
verstand ihn. “Gewiß”, sagte der Aufseher und legte den Finger
an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkeunstlers dem Personal
anzudeuten, “wir verzeihen dir.” “Immerfort wollte ich, daß ihr
mein Hungern bewundert”. sagte der Hungerkünstler. “Wir bewundern es
auch”, sagte der Aufseher entgegenkommend. “Ihr sollt es aber nicht bewundern”,
sagte der Hungerkünstler. “Nun, dann bewundern wir es also nicht”, sagte
der Aufseher, “warum sollen wir es denn nicht bewundern?” “Weil ich hungern
muß, ich kann nicht anders”, sagte der Hungerkünstler. “Da sieh mal
einer”, sagte der Aufseher, “warum kannst du nicht anders?” “Weil ich”, sagte
der hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach
mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein,
damit nichts verloren ginge, “weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir
schmeckt. hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen
gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.” Das waren die letzten Worte,
aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste. wenn auch nicht mehr stolze
Überzeugung, dass er weiterhungre.
“Nun macht aber Ordnung!” sagte der Aufseher, und man begrub
den Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen
jungen Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung,
in dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn.
Ihm fehlte nichts. Die nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohn langes Nachdenken
die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle,
mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreissen ausgestattete Körper schien
auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiss schien sie zu stecken;
und die Freude am leben kam mit derart starker Glut aus seinem Rachen, dass es für
die Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sich gar nicht fortrühren.

Kafka Home Page
Franz Kafka and his crew appreciate your
comments!
last updated: 03/11/96
kafka+@pitt.edu