Die Toten reiten schnell!


Thomas Percy (1729-1811)

Sweet William's Ghost

A Scottish Ballad

There came a ghost to Margaret's door,
With many a grievous grone,
And ay he tirled at the pin;
But answer made she none.
Is this my father Philip?
Or is't my true love Willie,
Or is't my brother John?
From Scotland new come home?
'Tis not thy father Philip;
Nor yet thy brother John:
But tis thy true love Willie
From Scotland new come home,
O sweet Margret! O dear Margret!
I pray thee speak to mee:
Give me my faith and troth, Margret,
As I gave it to thee.
Thy faith and troth thou'se nevir get,
"Of me shalt nevir win,"
Till that thou come within my bower,
And kiss my cheek and chin.
If I should come within thy bower,
I am no earthly man:
And should I kiss thy rosy lipp,
Thy days will not be lang.
O sweet Margret, O dear Margret,
I pray thee speak to mee:
Give me my faith and troth, Margret,
As I gave it to thee.
Thy faith and troth thou'se nevir get,
"Of me shalt nevir win,"
Till thou take me to yon kirk yard,
And wed me with a ring.
My bones are buried in a kirk yard
Afar beyond the sea,
And it is but my sprite, Margret,
That's speaking now to thee.
She stretched out her lilly-white hand,
As for to do her best:
Hae there your faith and troth, Willie,
God send your soul good rest.
Now she has kilted her robes of green,
A piece below her knee:
And a' the live-lang winter night
The dead corps followed shee.
Is there any room at you head, Willie?
Or any room at your feet?
Or any room at your side, Willie,
Wherein that I may creep?
There's nae room at my head, Margret,,
There's nae room at my feet,
There's no room at my side, Margret,
My coffin is made so meet.
Then up and crew the red red cock,
And up then crew the gray:
Tis time, tis time, my dear Margret,
That "I" were gane away.
[No more the ghost to Margret said,
But, with a grievous grone,
Evanish'd in a cloud of mist,
And left her all alone.
O stay, my only true love, stay,
The constant Margret cried:
Wan grew her cheeks, she clos'd her een,
Stretch'd her saft limbs, and died.]


Gottfried August Bürger (1747-1794)

Lenore

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
"Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?"--
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht
Und hatte nicht geschrieben,
Ob er gesund geblieben.
Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.
Und überall, allüberall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog alt und jung dem Jubelschall
Der Kommenden entgegen.
"Gottlob!" rief Kind und Gattin laut,
"Willkommen!" manche frohe Braut.
Ach! aber für Lenoren
War Gruß und Kuß verloren.
Sie frug den Zug wohl auf und ab
Und frug nach allen Namen;
Doch keiner war, der Kundschaft gab,
Von allen, so da kamen.
Als nun das Heer vorüber war,
Zerraufte sie ihr Rabenhaar
Und warf sich hin zur Erde
Mit wütiger Gebärde.
Die Mutter lief wohl hin zu ihr:
"Ach, daß sich Gott erbarme!
Du trautes Kind, was ist mit dir?"
Und schloß sie in die Arme.--
"O Mutter, Mutter! hin ist hin!
Nun fahre Welt und alles hin!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen!"--
"Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!
Kind, bet ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Gott, Gott erbarmt sich unser!"--
"O Mutter, Mutter! eitler Wahn!
Gott hat an mir nicht wohlgetan!
Was half, was half mein Beten?
Nun ists nicht mehr vonnöten."
"Hilf Gott, hilf! Wer den Vater kennt,
Der weiß, er hilft den Kindern.
Das hochgelobte Sakrament
Wird deinen Jammer lindern."--
"O Mutter, Mutter, was mich brennt,
Das lindert mir kein Sakrament!
Kein Sakrament mag Leben
Den Toten wiedergeben."--
"Hör Kind! Wie, wenn der falsche Mann
Im fernen Ungerlande
Sich seines Glaubens abgetan
Zum neuen Ehebande?
Laß fahren, Kind, sein Herz dahin!
Er hat es nimmermehr Gewinn!
Wann Seel und Leib sich trennen,
Wird ihn sein Meineid brennen."--
"O Mutter, Mutter! hin ist hin!
Verloren ist verloren!
Der Tod , der Tod ist mein Gewinn!
O wär ich nie geboren!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Bei Gott ist kein Erbarmen;
O weh, o weh mir Armen!"--
"Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht
Mit deinem armen Kinde!
Sie weiß nicht, was die Zunge spricht;
Behalt ihr nicht die Sünde!
Ach, Kind, vergiß dein irdisch Leid
Und denk an Gott und Seligkeit,
So wird doch deiner Seelen
Der Bräutigam nicht fehlen."--
"O Mutter! was ist Seligkeit?
O Mutter! was ist Hölle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,
Und ohne Wilhelm Hölle!--
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Ohn ihn mag ich auf Erden,
Mag dort nicht selig werden."--
So wütete Verzweifelung
Ihr in Gehirn und Adern.
Sie fuhr mit Gottes Vorsehung
Vermessen fort zu hadern,
Zerschlug den Busen und zerrang
Die Hand bis Sonnenuntergang,
Bis auf am Himmelsbogen
Die goldnen Sterne zogen.
Und außen, horch! gings trapp trapp trapp,
Als wie von Rosseshufen,
Und klirrend stieg ein Reiter ab
An des Geländers Stufen.
Und horch! und horch! den Pfortenring
Ganz lose, leise, klinglingling!
Dann kamen durch die Pforte
Vernehmlich diese Worte:
"Holla, holla! Tu auf, mein Kind!
Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
Wie bist noch gegen mich gesinnt?
Und weinest oder lachst du?--
"Ach, Wilhelm, du? So spät bei Nacht?
Geweinet hab ich und gewacht;
Ach großes Leid erlitten!
Wo kommst du hergeritten?"--
"Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her von Böhmen.
Ich habe spät mich aufgemacht
Und will dich mit mir nehmen."--
"Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
Herein, in meinen Armen,
Herzliebster, zu erwarmen!"--
"Laß sausen durch den Hagedorn;
Laß sausen, Kind, laß sausen!
Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.
Ich darf allhier nicht hausen.
Komm, schürze, spring und schwinge dich
Auf meinen Rappen hinter mich!
Muß heut noch hundert Meilen
Mit dir ins Brautbett eilen."--
"Ach, wolltest hundert Meilen noch
Mich heut noch ins Brautbett tragen?
Und horch, es brummt die Glocke noch,
Die elf schon angeschlagen."--
"Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.
Wir und die Toten reiten schnell.
Ich bringe dich, zur Wette,
Noch heut ins Hochzeitbette."--
"Sag an, wo ist dein Kämmerlein?
Wo? wie dein Hochzeitbettchen?"--
"Weit, weit von hier! Still, kühl und klein!
Sechs Bretter und zwei Brettchen!"--
"Hats Raum für mich?" --"Für dich und mich!
Komm, schürze, spring und schwinge dich!
Die Hochzeitgäste hoffen;
Die Kammer steht uns offen."
Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang
Sich auf das Roß behende;
Wohl um den trauten Reiter schlang
Sie ihre Lilienhände;
Und hurre hurre, hopp hopp hopp!
Gings fort in sausendem Galopp,
Daß Roß und Reiter schnoben
Und Kies und Funken stoben.
Zur rechten und zur linken Hand,
Vorbei vor ihren Blicken,
Wie flogen Anger, Heid und Land!
Wie donnerten die Brücken!
"Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
Hurra! Die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten?"
"Ach nein! Doch laß die Toten!"
Was klang dort für Gesang und Klang?
Was flatterten die Raben?
Horch, Glockenklang! Horch, Totensang:
"Laßt uns den Leib begraben!"
Und näher zog ein Leichenzug,
Der Sarg und Totenbahre trug.
Das Leid war zu vergleichen
Dem Unkenruf in Teichen.
"Nach Mitternacht begrabt den Leib
Mit Klang und Sang und Klage!
Jetzt führ ich heim mein junges Weib;
Mit, mit zum Brautgelage!
Komm, Küster, hier! komm mit dem Chor
Und gurgle mir das Brautlied vor!
Komm, Pfaff, und sprich den Segen,
Eh wir zu Bett uns legen!"--
Still Klang und Sang Die Bahre schwand
Gehorsam seinem Rufen,
Kams hurre hurre! nachgerannt
Hart hinters Rappen Hufen.
Und immer weiter, hopp hopp hopp!
Gings fort in sausendem Galopp,
Daß Roß und Reiter schnoben
Und Kies und Funken stoben.
Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum und Hecken!
Wie flogen links und rechts und links
Die Dörfer, Städt und Flecken!--
"Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
Hurra! Die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten?"--
"Ach! Laß sie ruhn, die Toten."--
Sieh da! sieh da! Am Hochgericht
Tanzt' um des Rades Spindel,
Halb sichtbarlich bei Mondenlicht,
Ein luftiges Gesindel.
"Sasa! Gesindel, hier! Komm hier!
Gesindel, komm und folge mir!
Tanz uns den Hochzeitreigen,
Wann wir zu Better steigen!"--
Und das Gesindel husch husch husch!
Kam hinten nachgeprasselt,
Wie Wirbelwind am Haselbusch
Durch dürre Blätter rasselt.
Und weiter, weiter, hopp hopp hopp!
Gings fort in sausendem Galopp,
daß Roß und Reiter schnoben
Und Kies und Funken stoben.
Wie flog, was rund der Mond beschien,
Wie flog es in die Ferne!
Wie flogen oben überhin
Der Himmel und die Sterne!--
"Graut Liebchen auch Der Mond scheint hell!
Hurra! Die Toten reiten schnell!--
Graut Liebchen auch vor Toten?"--
"O weh! Laß ruhn die Toten!" ---
"Rapp! Rapp! mich dünkt, der Hahn schon ruft
Bald wird der Sand verrinnen
Rapp! Rapp! ich wittre Morgenluft
Rapp! tummle dich von hinten!
Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!
Das Hochzeitbette tut sich auf!
Die Toten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle."--
Rasch auf ein eisern Gittertor
Gings mit verhängtem Zügel;
Mit schwanker Gert ein Schlag davor
Zersprengte Schloß und Riegel.
Die Flügel flogen klirrend auf,
Und über Gräber ging der Lauf;
Es blinkten Leichensteine
Rundum im Mondenscheine.
Ha sieh! Ha sieh! Im Augenblick,
Huhu! ein gräßlich Wunder!
Des Reiters Koller, Stück für Stück,
Fiel ab wie mürber Zunder.
Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,
Zum nackten Schädel ward sein Kopf,
Sein Körper zum Gerippe
Mit Stundenglas und Hippe.
Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp
Und sprühte Feuerfunken;
Und hui! wars unter ihr hinab
Verschwunden und versunken.
Geheul! Geheul! aus hoher Luft,
Gewinsel kam aus tiefer Gruft.
Lenorens Herz mit Beben
Rang zwischen Tod und Leben.
Nun tanzten wohl bei Mondenglanz
Rundum herum im Kreise
Die Geister einen Kettentanz
Und heulten diese Weise:
"Geduld, Geduld! Wenns Herz auch bricht!
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
Des Leibes bist du ledig;
Gott sei der Seele gnädig!"


Des Knaben Wunderhorn

Lenore

Bürger hörte dieses Lied nachts in einem Nebenzimmer

Es stehn die Stern am Himmel,
Es scheint der Mond so hell,
Die Toten reiten schnell:

"Mach auf, mein Schatz, dein Fenster,
Laß mich zu dir hinein,
Kann nicht lang bei dir sein;

Der Hahn, der tät schon krähen,
Er singt uns an den Tag,
Nicht lang mehr bleiben mag.

Weit bin ich her geritten,
Zweihundert Meilen weit
Muß ich noch reiten heut;

Herzallerliebste meine!
Komm, setz dich auf mein Pferd,
Der Weg ist Reitens wert.

Dort drin im Ungerlande
Hab ich ein kleines Haus,
Da geht mein Weg hinaus.

 

Auf einer grünen Heide,
Da ist mein Haus gebaut
Für mich und meine Braut.

Laß mich nicht lang mehr warten,
komm, Schatz, zu mir herauf,
Weit fort geht unser Lauf.

Die Sternlein tun uns leuchten,
Es scheint der Mond so hell,
Die Toten reiten schnell."

"Wo willst mich dann hinführen?
Ach Gott! was hast gedacht
Wohl in der finstern Nacht?

Mit dir kann ich nicht reiten,
Dein Bettlein ist nicht breit,
Der Weg ist auch zu weit.

Allein leg du dich nieder,
Herzallerliebster, schlaf
Bis an den Jüngsten Tag!"


Matthias Claudius (1740-1815)

Der Tod und das Mädchen

Das Mädchen
Vorüber! Ach, vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Der Tod
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
sollst sanft in meinen Armen schlafen!


Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Erlkönigs Tochter

(Dänisch)

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitleut.
Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.
"Willkommen, Herr Oluf, was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir."
"Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag."
"Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei güldne Sporne schenk ich dir!
Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter bleichts mit Mondenschein."
"Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag."
"Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir."
"Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll."
"Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir."
Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt' er solchen Schmerz.
Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd:
"Reit heim zu dein'm Fräulein wert."
Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür."
"Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist dein Farbe blaß und bleich?"
"Und sollt sie nicht sein blaß und bleich,
Ich traf in Erlenkönigs Reich."
"Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich nun sagen deiner Braut?"
"Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund."
Frühmorgen und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.
Sie schenkten Met, sie schenkten Wein;
"Wo ist Herr Oluf, der Bräut'gam mein?"
Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,
Er probt allda sein Pferd und Hund."
Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf, und er war tot.


Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
"Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?"
"Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?"
"Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif." --
"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."
"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht" --
"Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind:
In dürren Blättern säuselt der Wind." --
"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."
"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erklönigs Töchter am düstern Ort?" --
"Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau." --
"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
"Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!" --
Dem Vater grausets, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not:
In seinen Armen das Kind war tot.


Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Der Knabe im Moor

O schaurig ists, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt --
O, schaurig ists, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind --
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.
Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor',
Die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!
Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
"Ho, ho, meine arme Seele!"
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.
Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre wars fürchterlich,
O, schaurig wars in der Heide!