Die Toten reiten schnell

Balladen zum Thema "Der tote Bräutigam"

Aarne-Thompson Märchentyp 365

herausgeben von

D. L. Ashliman


Inhalt

  1. Wilhelms Geist (Johann Gottfried Herder)
  2. Lenore (Gottfried August Bürger)
  3. Lenore (Achim von Arnim und Clemens Brentano, Des Knaben Wunderhorn)
  4. Bibliographie deutschsprachiger Märchen vom Typ 365


Wilhelms Geist

Johann Gottfried Herder

Da kam ein Geist zu Gretchens Tür,
Mit manchem Weh und Ach!
Und drückt' am Schloß und kehrt' am Schloß,
Und ächzte traurig nach,

"Ist dies mein Vater Philipp?
Oder ists mein Bruder Johann?
Oder ists mein Treulieb Wilhelm,
Aus Schottland kommen an?"

"Ist nicht dein Vater Philipp.
Ist nicht dein Bruder Johann!
Es ist dein Treulieb Wilhelm,
Aus Schottland kommen an.

O Gretchen süß, o Gretchen lieb,
Ich bitt dich, sprich zu mir,
Gib Gretchen mir mein Wort und Treu,
Das ich gegeben dir."

"Dein Wort und Treu geb ich dir nicht,
Gebs nimmer wieder dir;
Bis du in meine Kammer kömmst
Mit Liebeskuß zu mir."

"Wenn ich soll kommen in deine Kammer --
Ich bin kein Erdenmann:
Und küssen deinen Rosenmund
So küß' ich Tod dir an.

O Gretchen süß, o Gretchen lieb,
Ich bitt dich, sprich zu mir:
Gib, Gretchen, mir mein Wort und Treu,
Das ich gegeben dir."

"Dein Wort und Treu geb ich dir nicht,
Gebs nimmer wieder dir,
Bis du mich führst zum Kirchhof hin,
Mit Bräutgamsring dafür."

"Und auf dem Kirchhof lieg ich schon
Fernweg, hinüber dem Meer!
Es ist mein Geist nur, Gretchen,
Der hier kommt zu dir her."

Ausstreckt sie ihre Lilienhand
Streckt eilig sie ihm zu:
"Da nimm dein Treuwort Wilhelm
Und geh, und geh zur Ruh."

Nun hat sie geworfen die Kleider an,
Ein Stück hinunter das Knie,
Und all die lange Winternacht
Ging nach dem Geiste sie.

"Ist Raum noch, Wilhelm, dir zu Haupt,
Oder Raum zu Füßen dir?
Oder Raum noch, Wilhelm, dir zur Seit,
Daß ein ich schlüpf zu dir."

"Kein Raum ist, Gretchen, mir zu Haupt,
Zu Füßen und überall;
Kein Raum zur Seit' mir, Gretchen,
Mein Sarg ist eng und schmal."

Da kräht der Hahn, da schlug die Uhr!
Da brach der Morgen für!
"Ist Zeit, ist Zeit nun, Gretchen,
Zu scheiden weg von dir!"

Nicht mehr der Geist zu Gretchen sprach,
Und ächzend tief darein,
Schwand er in Nacht und Nebel hin
Und ließ sie stehn allein.

O bleib, mein Ein Treulieber, bleib,
Dein Gretchen ruft dir nach --
Die Wange, blaß, ersank ihr Leib,
Und sanft ihr Auge brach.




Lenore

Gottfried August Bürger

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
"Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?" --
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht
Und hatte nicht geschrieben,
Ob er gesund geblieben.

Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.

Und überall, allüberall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog alt und jung dem Jubelschall
Der Kommenden entgegen.
"Gottlob!" rief Kind und Gattin laut,
"Willkommen!" manche frohe Braut.
Ach! aber für Lenoren
War Gruß und Kuß verloren.

Sie frug den Zug wohl auf und ab
Und frug nach allen Namen;
Doch keiner war, der Kundschaft gab,
Von allen, so da kamen.
Als nun das Heer vorüber war,
Zerraufte sie ihr Rabenhaar
Und warf sich hin zur Erde
Mit wütiger Gebärde.

Die Mutter lief wohl hin zu ihr:
"Ach, daß sich Gott erbarme!
Du trautes Kind, was ist mit dir?"
Und schloß sie in die Arme. --
"O Mutter, Mutter! hin ist hin!
Nun fahre Welt und alles hin!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen!" --

"Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!
Kind, bet ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Gott, Gott erbarmt sich unser!" --
"O Mutter, Mutter! eitler Wahn!
Gott hat an mir nicht wohlgetan!
Was half, was half mein Beten?
Nun ists nicht mehr vonnöten."

"Hilf Gott, hilf! Wer den Vater kennt,
Der weiß, er hilft den Kindern.
Das hochgelobte Sakrament
Wird deinen Jammer lindern." --
"O Mutter, Mutter, was mich brennt,
Das lindert mir kein Sakrament!
Kein Sakrament mag Leben
Den Toten wiedergeben." --

"Hör Kind! Wie, wenn der falsche Mann
Im fernen Ungerlande
Sich seines Glaubens abgetan
Zum neuen Ehebande?
Laß fahren, Kind, sein Herz dahin!
Er hat es nimmermehr Gewinn!
Wann Seel und Leib sich trennen,
Wird ihn sein Meineid brennen." --

"O Mutter, Mutter! hin ist hin!
Verloren ist verloren!
Der Tod , der Tod ist mein Gewinn!
O wär ich nie geboren!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Bei Gott ist kein Erbarmen;
O weh, o weh mir Armen!" --

"Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht
Mit deinem armen Kinde!
Sie weiß nicht, was die Zunge spricht;
Behalt ihr nicht die Sünde!
Ach, Kind, vergiß dein irdisch Leid
Und denk an Gott und Seligkeit,
So wird doch deiner Seelen
Der Bräutigam nicht fehlen." --

"O Mutter! was ist Seligkeit?
O Mutter! was ist Hölle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,
Und ohne Wilhelm Hölle! --
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Ohn ihn mag ich auf Erden,
Mag dort nicht selig werden." --

So wütete Verzweifelung
Ihr in Gehirn und Adern.
Sie fuhr mit Gottes Vorsehung
Vermessen fort zu hadern,
Zerschlug den Busen und zerrang
Die Hand bis Sonnenuntergang,
Bis auf am Himmelsbogen
Die goldnen Sterne zogen.

Und außen, horch! gings trapp trapp trapp,
Als wie von Rosseshufen,
Und klirrend stieg ein Reiter ab
An des Geländers Stufen.
Und horch! und horch! den Pfortenring
Ganz lose, leise, klinglingling!
Dann kamen durch die Pforte
Vernehmlich diese Worte:

"Holla, holla! Tu auf, mein Kind!
Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
Wie bist noch gegen mich gesinnt?
Und weinest oder lachst du? --
"Ach, Wilhelm, du? ...So spät bei Nacht?
Geweinet hab ich und gewacht;
Ach großes Leid erlitten!
Wo kommst du hergeritten?" --

"Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her von Böhmen.
Ich habe spät mich aufgemacht
Und will dich mit mir nehmen." --
"Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
Herein, in meinen Armen,
Herzliebster, zu erwarmen!" --

"Laß sausen durch den Hagedorn;
Laß sausen, Kind, laß sausen!
Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.
Ich darf allhier nicht hausen.
Komm, schürze, spring und schwinge dich
Auf meinen Rappen hinter mich!
Muß heut noch hundert Meilen
Mit dir ins Brautbett eilen." --

"Ach, wolltest hundert Meilen noch
Mich heut noch ins Brautbett tragen?
Und horch, es brummt die Glocke noch,
Die elf schon angeschlagen." --
"Sieh hin, sieh her! ...der Mond scheint hell.
Wir und die Toten reiten schnell.
Ich bringe dich, zur Wette,
Noch heut ins Hochzeitbette." --

"Sag an, wo ist dein Kämmerlein?
Wo? wie dein Hochzeitbettchen?" --
"Weit, weit von hier! ...Still, kühl und klein! ...
Sechs Bretter und zwei Brettchen!" --
"Hats Raum für mich?" -- "Für dich und mich!
Komm, schürze, spring und schwinge dich!
Die Hochzeitgäste hoffen;
Die Kammer steht uns offen."

Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang
Sich auf das Roß behende;
Wohl um den trauten Reiter schlang
Sie ihre Lilienhände;
Und hurre hurre, hopp hopp hopp!
Gings fort in sausendem Galopp,
Daß Roß und Reiter schnoben
Und Kies und Funken stoben.

Zur rechten und zur linken Hand,
Vorbei vor ihren Blicken,
Wie flogen Anger, Heid und Land!
Wie donnerten die Brücken!
"Graut Liebchen auch? ...Der Mond scheint hell!
Hurra! Die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten?"
"Ach nein! ...Doch laß die Toten!"

Was klang dort für Gesang und Klang?
Was flatterten die Raben? ...
Horch, Glockenklang! Horch, Totensang:
"Laßt uns den Leib begraben!"
Und näher zog ein Leichenzug,
Der Sarg und Totenbahre trug.
Das Leid war zu vergleichen
Dem Unkenruf in Teichen.

"Nach Mitternacht begrabt den Leib
Mit Klang und Sang und Klage!
Jetzt führ ich heim mein junges Weib;
Mit, mit zum Brautgelage!
Komm, Küster, hier! komm mit dem Chor
Und gurgle mir das Brautlied vor!
Komm, Pfaff, und sprich den Segen,
Eh wir zu Bett uns legen!" --

Still Klang und Sang ...Die Bahre schwand ...
Gehorsam seinem Rufen,
Kams hurre hurre! nachgerannt
Hart hinters Rappen Hufen.
Und immer weiter, hopp hopp hopp!
Gings fort in sausendem Galopp,
Daß Roß und Reiter schnoben
Und Kies und Funken stoben.

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum und Hecken!
Wie flogen links und rechts und links
Die Dörfer, Städt und Flecken! --
"Graut Liebchen auch? ...Der Mond scheint hell!
Hurra! Die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten?" --
"Ach! Laß sie ruhn, die Toten." --

Sieh da! sieh da! Am Hochgericht
Tanzt' um des Rades Spindel,
Halb sichtbarlich bei Mondenlicht,
Ein luftiges Gesindel.
"Sasa! Gesindel, hier! Komm hier!
Gesindel, komm und folge mir!
Tanz uns den Hochzeitreigen,
Wann wir zu Better steigen!" --

Und das Gesindel husch husch husch!
Kam hinten nachgeprasselt,
Wie Wirbelwind am Haselbusch
Durch dürre Blätter rasselt.
Und weiter, weiter, hopp hopp hopp!
Gings fort in sausendem Galopp,
daß Roß und Reiter schnoben
Und Kies und Funken stoben.

Wie flog, was rund der Mond beschien,
Wie flog es in die Ferne!
Wie flogen oben überhin
Der Himmel und die Sterne! --
"Graut Liebchen auch ...Der Mond scheint hell!
Hurra! Die Toten reiten schnell! --
Graut Liebchen auch vor Toten?" --
"O weh! Laß ruhn die Toten!" --

"Rapp! Rapp! mich dünkt, der Hahn schon ruft ...
Bald wird der Sand verrinnen ...
Rapp! Rapp! ich wittre Morgenluft ...
Rapp! tummle dich von hinten!
Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!
Das Hochzeitbette tut sich auf!
Die Toten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle." --

Rasch auf ein eisern Gittertor
Gings mit verhängtem Zügel;
Mit schwanker Gert ein Schlag davor
Zersprengte Schloß und Riegel.
Die Flügel flogen klirrend auf,
Und über Gräber ging der Lauf;
Es blinkten Leichensteine
Rundum im Mondenscheine.

Ha sieh! Ha sieh! Im Augenblick,
Huhu! ein gräßlich Wunder!
Des Reiters Koller, Stück für Stück,
Fiel ab wie mürber Zunder.
Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,
Zum nackten Schädel ward sein Kopf,
Sein Körper zum Gerippe
Mit Stundenglas und Hippe.

Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp
Und sprühte Feuerfunken;
Und hui! wars unter ihr hinab
Verschwunden und versunken.
Geheul! Geheul! aus hoher Luft,
Gewinsel kam aus tiefer Gruft.
Lenorens Herz mit Beben
Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz
Rundum herum im Kreise
Die Geister einen Kettentanz
Und heulten diese Weise:
"Geduld, Geduld! Wenns Herz auch bricht!
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
Des Leibes bist du ledig;
Gott sei der Seele gnädig!"




Lenore

Des Knaben Wunderhorn

Bürger hörte dieses Lied nachts in einem Nebenzimmer

Es stehn die Stern am Himmel,
Es scheint der Mond so hell,
Die Toten reiten schnell:

"Mach auf, mein Schatz, dein Fenster,
Laß mich zu dir hinein,
Kann nicht lang bei dir sein;

Der Hahn, der tät schon krähen,
Er singt uns an den Tag,
Nicht lang mehr bleiben mag.

Weit bin ich her geritten,
Zweihundert Meilen weit
Muß ich noch reiten heut;

Herzallerliebste meine!
Komm, setz dich auf mein Pferd,
Der Weg ist Reitens wert.

Dort drin im Ungerlande
Hab ich ein kleines Haus,
Da geht mein Weg hinaus.

Auf einer grünen Heide,
Da ist mein Haus gebaut
Für mich und meine Braut.

Laß mich nicht lang mehr warten,
komm, Schatz, zu mir herauf,
Weit fort geht unser Lauf.

Die Sternlein tun uns leuchten,
Es scheint der Mond so hell,
Die Toten reiten schnell."

"Wo willst mich dann hinführen?
Ach Gott! was hast gedacht
Wohl in der finstern Nacht?

Mit dir kann ich nicht reiten,
Dein Bettlein ist nicht breit,
Der Weg ist auch zu weit.

Allein leg du dich nieder,
Herzallerliebster, schlaf
Bis an den Jüngsten Tag!"




Deutschsprachige Märchen vom Typ 365

  1. "Costandini und Garentina", Martin Camaj und Uta Schier-Oberdorffer, Albanische Märchen, Die Märchen der Weltliteratur (Düsseldorf: Eugen Diederichs Verlag, 1974), Nr. 44, S. 168-170.
  2. "Der tote Bräutigam", Karoly Gaál, Die Volksmärchen der Magyaren im südlichen Burgenland (Berlin: Walter de Gruyter & Co., 1970), Nr. 14.
  3. "Die Äbtissin und der Teufel", Jacob und Wilhelm Grimm, Märchen aus dem Nachlaß, herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke (Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann, 1979), Nr. 26.
  4. "Garun, Garun, fahl ist mir der Schädel", Kurt Schier, Märchen aus Island, Die Märchen der Weltliteratur (Köln: Eugen Diederichs Verlag, 1983), Nr. 35, S. 182-183.
  5. "Lenore" [3 Erzählungen], Kurt Ranke, Schleswig-Holsteinische Volksmärchen, Veröffentlichungen der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft (Kiel: Ferdinand Hirt , 1962), Bd. 1, S. 276-278.
  6. "Lenore", Achim von Arnim und Clemens Brentano, Des Knaben Wunderhorn: Alte deutsche Lieder (Heidelberg: Mohr und Zimmer, 1808), Bd. 2, S. 19. Unterschift zu diesem Gedicht: "Bürger hörte dieses Lied Nachts in einem Nebenzimmer."
  7. "Lenore", Ulrich Benzel und Walter Kniepert, Sudetendeutsche Volkserzählungen, Schriften des Volkskunde-Archivs Marburg, Bd. 10 (Marburg: N. G. Elwert, 1962), Nr. 134.
  8. "Lenore", Gottfried August Bürger. Entstanden 1773. Erster Druck: Göttinger Musenalmanach, 1774.
  9. "Sehnsucht nach dem Gatten", Karoly Gaál, Die Volksmärchen der Magyaren im südlichen Burgenland (Berlin: Walter de Gruyter & Co., 1970), Nr. 15.
  10. "Wilhelms Geist" [Übersetzung von Percys "Sweet William's Ghost"], Johann Gottfried von Herder, Von deutscher Art und Kunst, 1773.



Stand: 5. Januar 1999.